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buch:kapitel02

Was kommt da auf uns zu?

Wenn Sie eher pragmatisch orientiert sind oder sich leicht entmutigen lassen, sollten Sie besser gleich zum Kapitel 3 vorspringen, weil sich auf den folgenden Seiten vor allem ein unglaublicher Anspruch aufbauen wird.

Digitale Medien sind nicht mehr „neu“, obwohl in vielen Publikation immer noch von „neuen Medien“ die Rede ist. Digitale Medien sind mittlerweile über 20 Jahre „alt“. Vor 20 Jahren mögen sie zwar noch nicht so komfortabel und bunt gewesen sein, doch Messenger wie WhatsApp gab es z.B. „damals“ auch schon – mit ihren Vor- und Nachteilen. Nur wurden Sie meist von einem sehr engen und technikaffinen Personenkreis genutzt.

Digitale Medien sind in Deutschland aber noch bei Weitem nicht in der Breite in Schulen angekommen, wie das in anderen Ländern der Fall ist. Demnach besteht aus meiner Sicht hier ein gewisser Nachholbedarf, der in sich in Form eines Anspruchsberges hier auf den nächsten Seiten erhebt.

Begriffssalat entwirrt

Zentrale Begriffe wie Medienkonzept, Medienentwicklungsplan und Medienbildungskonzept werden zurzeit in verschiedenen Bundesländern noch unterschiedlich mit Bedeutung gefüllt. Durchzusetzen scheinen sich mittlerweile folgende Definitionen.

Medienkonzept

Ein Medienkonzept umfasst einen meist regionalen Medienentwicklungsplan und die dazugehörigen Medienbildungskonzepte der Schulen. Es ist quasi der Oberbegriff.

Medienentwicklungsplan

Ein Medienentwicklungsplan ist ein Konzept zur Ausstattung von Schulen in gemeinsamer Trägerschaft oder in einer Region.

Wenn Ihr Träger aktiv in die Medienentwicklungsplanung einsteigt, dann müssen Sie sich nicht mehr darum kümmern, Haushaltsmittel für die Ausstattung Ihrer Schule mit digitalen Geräten einzuwerben. Diese Haushaltsmittel stehen bereits über einen gewissen Zeitraum hinweg fest zur Verfügung.

Sie müssen nicht mehr Angebote für das einholen, was Sie sich wünschen – das macht der Träger für Sie entsprechend Ihren pädagogischen Vorgaben.

Der Träger stellt Ihnen im Rahmen seiner Medienentwicklungsplanung Menschen an die Seite, die sich um Pflege und Wartung der vorhandenen Geräte kümmern.

Der Schulträger wird aber auch im Rahmen von sogenannten Jahresinvestitionsgesprächen mit Ihnen gemeinsam die Anschaffungen des letzten Jahres und die der kommenden durchsprechen.

Ein Medienentwicklungsplan dient also primär dem Schulträger dazu, seinen Ausstattungs-, Verwaltungs- und Supportaufgaben gemäß der jeweils gültigen Vereinbarungen mit dem zuständigen Bundesland gerecht zu werden.

Er garantiert den Schulen verlässliche Unterstützung bei auftretenden Hardware- und Netzwerkproblemen, schränkt u.U. aber die Auswahl von Soft- und Hardware zugunsten einer besseren Wartbarkeit etwas ein, wobei eine sich entwickelnde Medienentwicklungsplanung sich immer auch an die Bedürfnisse der Schulen anpassen wird.

Medienentwicklungsplanung ist immer Aufgabe des Schulträgers in Absprache mit den von ihm betreuten Schulen. Die Voraussetzungen für ein wirksames Medienbildungskonzept sind durch einen vorhandenen Medienentwicklungsplan wesentlich besser.

Wenn in Ihrem Bereich jedoch die Medienentwicklungsplanung anläuft, sollten Sie bereit sein, sich an diesem Prozess zu beteiligen und ihn aufmerksam in der Presse verfolgen. Auch die Anwesenheit im Kultur- und Schulausschuss schadet nicht.

Medienbildungskonzepte

Medienbildungskonzepte werden an den Schulen entwickelt. Die Schule bestimmt nach Kriterien wie z.B.

  • didaktischen Erfordernissen
  • methodischen Entscheidungen
  • pädagogischen Anforderungen
  • curricularen Vorgaben

wie sie die Arbeit mit und über Medien in ihren schuleigenen Arbeitsplänen bzw. Hauscurricula verankert.

Eine ganz grobe Struktur für ein Medienbildungskonzept finden Sie hier.

Ein Medienbildungskonzept erleichtert oft die Argumentation gegenüber dem Träger, aber auch gegenüber Fördervereinen oder Sponsoren, wenn es um z.B. Beschaffung von Geräten oder der Ausstattung mit Netzwerktechnik geht. Es kann ein öffentlichkeitswirksames Instrument zur Darstellung der Schule sein. Auf Basis eines Medienbildungskonzeptes ist z.B. die Empfehlung von konkreter Hard- und Software durch entsprechend qualifiziertes Personal überhaupt erst möglich.

Auch wenn es auf anders praktiziert wird: Ein Lehrkraft ist Experte für didaktisch-methodische Prozess – nicht für Hardware oder Netzwerktechnik.

Von der Anwendungskompetenz zur Kollaborationskompetenz

Medienbildung besitzt in dem aktuellen KMK-Strategiepapier sechs Dimensionen bzw. Kompetenzbereiche. Ich habe zu jedem Kompetenzbereich ein konkretes Unterrichtsbeispiel hinzugefügt – meist aus dem Fach Deutsch.

Dabei habe ich versucht, mich nicht auf klassische und allgemein übliche Verfahren zu beziehen und die Beispiele möglichst losgelöst von einem konkreten Produkt, Fach oder einer Hardwareplattform zu entwickeln.

Das KMK-Strategiepapier ist eine Neuentwicklung. Dieser Bereich muss noch dementsprechend überarbeitet und angepasst werden.

Suchen, Verarbeiten und Aufbewahren

Kompetenzen in diesem Bereich bilden oftmals die Grundlage für alle weiteren. In der Regel ist an jeder Schule schon in irgendeiner Form etwas verankert. Typische Formulierungen in schulinternen Curricula wären z.B.:

  • einen Text mit Hilfe eines Textverarbeitungsprogramms ansprechend und nach typografischen Regeln gestalten
  • einfache Rechenoperationen und Visualisierung von Daten mit einer Tabellenkalkulation durchführen
  • Dateien auf einem Rechner mit Ordnern strukturieren
  • Grundfunktionen eines Betriebssystems kennen und anwenden
  • Datenschutzkonforme Nutzung von cloudbasierten Angeboten zur Zusammenarbeit
  • […]

Meist geht es in diesem Bereich im Rahmen eines Medienbildungskonzeptes eher darum, diese Kompetenzen in der Breite der Fächer verbindlich zu verankern. Oft muss auch einen Weiterentwicklung durch die Jahrgänge formuliert werden:

Während es in der 5. Klasse vielleicht noch ausreicht, einfache Formatierungsregeln in der Textverarbeitung zu vermitteln (z.B. Einzüge nicht mir Leerzeichen zu gestalten), sollten über die Jahrgänge Dinge wie Verzeichnisse, Fußnoten oder Formatvorlagen dazukommen.

Ein ganz einfaches Beispiel aus dem Bereich „Suchen, Verarbeiten und Aufbewahren“ finden Sie hier.

Kommunizieren und kooperieren

Während die ersten beiden Kompetenzbereiche an vielen Schulen oft schon in irgendeiner Form abgedeckt werden, erscheint in meinen Beratungen der Bereich der Kommunikation und Kooperation oft als besondere Herausforderung. Das liegt vor allem daran, dass zur sicheren Umsetzung immens viel Wissen über die Möglichkeiten vorhanden sein muss, die das Netz zur Zusammenarbeit bietet: Wissen über Tools, Wissen über Datenschutz, Wissen über Urheberrecht. Auch nutzen viele Lehrkräfte das Internet meist eher konsumorientiert, um z.B. kostenlos an Unterrichtsmaterialien und aktuelle Texte zu kommen. Die wenigsten teilen tatsächlich von ihnen selbst erstellte Inhalte im Netz oder erschaffen reflektiert eine Netzpersönlichkeit von sich selbst. Das hat natürlich auch Auswirkungen auf den nächsten Kompetenzbereich der Präsentation und Produktion. Was ich nicht selbst tue, kann ich schlecht vermitteln.

Ein Deutschlehrer, der keine Texte ansprechend zu verfassen weiß und daran vielleicht sogar keine Freude hat, wird sich mit der motivierenden Vermittlung von Schreibprozessen eher schwer tun.

Auch die professionelle Nutzung sozialer Netzwerke ist bei vielen Lehrkräften oft ein Thema am Rande – in der Regel nutzt man Messenger wie WhatsApp eher zum Austausch innerhalb der Familie oder des Bekanntenkreises ohne das unglaubliche Potential zu sehen, was in dem Aufbau persönlicher Lernnetzwerke steckt.

Auch wenn sich einzelne Lehrkräfte in diesem Bereich auf den Weg gemacht haben, bleiben sie als Gruppe in Deutschland noch recht überschaubar.

Eine Vermittlung der Vorteile und Möglichkeiten, die dieser Kompetenzbereich für den Unterricht bietet, ist dadurch immens schwierig, da hier oft Lebensweltkonzepte aufeinanderprallen.

Deswegen ist es wichtig, in diesem Bereich behutsam vorzugehen und nicht zu viel auf einmal zu wollen.

Einen pragmatischen Ansatz zur schrittweisen Ausgestaltung dieses Kompetenzbereiches findest du hier.

Produzieren und Präsentieren

Diese beiden Bereiche lassen sich hervorragend verbinden, da jede medial gestützte Präsentation natürlich auch Produktionsprozesse voraussetzt.

„Die Schülerinnen und Schüler halten kurze Referate und präsentieren Arbeitsergebnisse strukturiert, stichwort- und mediengestützt.“ (Zitat aus einem Schulcurriculum Deutsch, 8. Klasse)

Dieses Zitat – eine 1:1 Kopie aus dem Kerncurriculum Deutsch des Landes Niedersachsen zeigt eigentlich das gesamte Dilemma: Das machen nämlich schon Grundschüler – zumindest hier bei uns in Niedersachsen. Ein „Medium“ ist schließlich auch eine Karteikarte oder ein Plakat. Kurze Referate werden in der Grundschule schon an der 3. Klasse gehalten.

Präsentation wird an Schulen oft synonym mit Powerpoint verwendet. Und wir kennen alle aus Fortbildungen und Veranstaltungen sehr schlecht gemachte Powerpointpräsentationen mit sehr schlecht gemachten Vorträgen. Wenn man den Kompetenzbereich der Präsentation und Produktion wirklich ernstnimmt, sollten m.E. folgende Fragestellungen eine Rolle spielen:

  1. Wie setze ich meine Stimme sinnvoll und ansprechend für die Zuhörenden ein?
  2. Wie unterstütze ich Gesagtes durch geeignete Medien und vermeide im Extremfall dabei, meine Folien oder Plakate lediglich vorzulesen?
  3. Wie mache ich meine Präsentation durch den Einsatz unterschiedlicher Medien für den Zuhörer interessant?

Im Anschluss an die Grundschule sollte also eine Weiterentwicklung des bereits Gelernten im Mittelpunkt stehen und zudem eine Progression durch die Jahrgänge erkennbar werden.

Grundsätze für eine gelungene Präsentation sind dabei teilweise auf die Erstellung eigener Medienprodukte übertragbar. Was in einer Präsentation der Wechsel von Medienformaten ist (Text, Video, Audio), ist im Film analog z.B. der Wechsel von Kameraperspektiven und -einstellungen.

Hier gibt es ein konkretes Unterrichtsbeispiel aus diesem Kompetenzbereich.

Schützen und sicher agieren

Dieser Kompetenzbereich ist der jüngste im Strategiepapier der Kultusministerkonferenz. Und es ist ferner ein Kompetenzbereich, mit dem sich Schulen oft schon in irgendeiner Form auseinandergesetzt haben oder auseinandersetzen mussten, wenn z.B.

  • Probleme mit der Handynutzung in der Schule auftreten (i.d.R. sind Verbote eine erste Reaktion)
  • Mobbingfälle auftreten, bei denen Internetplattformen jedweder Art eine Rolle spielen und zurück in eine Lerngruppe hineinwirken
  • WhatsAppgruppen in Klassen zu Problemen führen (unsinnige Nachrichten, hohe Frequenz von Nachrichten, kaum Möglichkeiten der Abschottung ohne das Gefühl zu haben, etwas zu verpassen)
  • Sexting stattfindet oder Bilder mit bloßstellendem Inhalt Verbreitung finden

Dieses Problem brennt zurzeit an vielen Schulen. Am Beispiel „Handy“ soll einmal exemplarisch das Problemfeld aufgezeigt werden.

In jüngster Vergangenheit bin ich mit der vollen Bandbreite der Hilflosigkeit gegenüber den Eigendynamiken konfrontiert worden, die entstehen, wenn sich jüngere Schülerinnen und Schüler auf WhatsApp bewegen.

  • Beleidigungen
  • veränderte Bilder unliebsamer Mitschüler
  • Enthauptungsvideos
  • […]
  • „Ich kann nichts dafür“-Behauptungen (In der Schülervorstellungswelt kann man sich ja schließlich nicht dagegen wehren, in WhatsApp-Gruppen aufgenommen zu werden)

Diese Dinge scheinen sich nach meinen Beobachtungen vor alle in den jüngeren Klassenstufen der Sekundarstufe I zu häufen. Die reflexartigen Reaktionen auf Vorkommnisse sehen zunächst so aus:

  1. „Handy wegnehmen. Die dürfen WhatsApp erst ab 16 nutzen!“
  2. „Handy verbieten. Die können damit nicht umgehen!“
  3. „Medienpädagogen einladen, der denen das mal sagt!“
  4. „Eltern in die Pflicht nehmen. Die sind unverantwortlich, Kindern ein Smartphone zu kaufen!“
  5. „Nun sag‘ mal Maik, was soll ich denn jetzt machen? Du bist doch Medienfuzzi. Alles Scheiße mit diesem Digitalzeugs!“

Handeln wir das mal alles in der Kürze ab, die es sachlogisch verdient:

Zu 1.)

Netter Versuch. Das Handy gehört uns nicht und umfasst den Privatbereich der SuS. Das ist so auf der Ebene wie: „Ich verbiete dir, nicht altersgerechte Filme in deiner Freizeit zu schauen!“

Zu 2.)

Netter Versuch. Das Handy gehört uns nicht und umfasst den Privatbereich der SuS. Das ist so auf der Ebene wie: „Ich verbiete dir, dich in deiner Freizeit mit Hannes und Tim zu treffen. Die haben einen schlechten Einfluss auf dich!“

Zu 3.)

Netter Versuch. Und bequem. Dann macht der das halt (wenn er dann mal Zeit hat). Ich nenne sowas medienpädagogisches Feigenblatt: „Wir haben was getan – wir haben jemanden eingeladen! Wenn dann keiner kommt, tja, können wir auch nichts dafür!“

Zu 4.)

Völlig richtig. Wenig bis so gar nicht realistisch. Eltern halten das mit dem Handy oft so: Wir kaufen dir eines. Wir kennen uns damit eh nicht aus. Das Erstaunen ist dann riesig, wenn dann mit dem Gerät Dinge geschehen, die unschön sind. Dann ist das Internet schuld. Oder wahlweise die Schule, die ja nichts dagegen macht. Mein Bild: Sie schicken ein vierjähriges Kind mit dem Rad bei Dunkelheit quer durch die Stadt und sind dann völlig überrascht, wenn es umgenietet wird. Dieser Scheißverkehr ist dann schuld!“ (sonst müsste man sich ja selbst seiner Verantwortung stellen …)

Zu 5.)

Die Situation ist sehr komplex. Das System der Beteiligten und der Ursachen auch. Wer hier ein einfache Antwort erwartet, verkennt die Komplexität völlig. Bestenfalls verlagert er das Problem schlicht vordergründig aus dem Wahrnehmungsbereich von Schule. Leider wird das immer wieder in die Schule zurückschwappen. mit dem Unterschied, dass man dann noch sehr viel weniger über die Vorgänge in der „Parallelwelt“ weiß,

Wo Verbote nicht greifen, komme ich um Verhandlungen und pädagogische Vereinbarungen nicht herum. Es gibt an Schulen Gremien, die die einzelnen Gruppen vertreten. Es gibt eine Schüler- und eine Elternvertretung. Wenn ich zieloffen hier zu Vereinbarungen komme, die den Handygebrauch innerhalb der Schule regeln, habe ich eine größere Chance, dass diese Vereinbarungen eingehalten und durch demokratisch verhandelte Sanktionen notfalls auch durchgesetzt werden. Zusätzlich ist das u.U. eine Chance, Demokratie praktisch zu leben und es ist eine Chance, insbesondere Eltern und Schülern auf Augenhöhe zu begegnen. Diese Gremien müssen ja ihrem „Wahlvolk“ Entscheidungen vermitteln. Und insbesondere Eltern können ja schon mehr als Kaffee und Kuchen bei Veranstaltungen zu spenden. Diese Idee scheitert oft an dem dafür notwendigen Paradigmenwechsel: Schule ist ja von ihrem Wesen her hierarchisch organisiert.

Wo in der Gesellschaft bekommen Schülerinnen un Schüler vorgelebt, wie man z.B. soziale Medien sinnvoll und reflektiert nutzt? Wo in Schule bekommen SuS gezeigt, welche Potentiale für das eigene Lernen in Socialmedia steckt? Wenn ich Schulen Portallösungen mit zarten Socialmediafunktionen empfehle, kommt sehr oft: „Aber diesen Chat, den müssen wir dringend abschalten, da passiert nur Mist, wer soll das kontrollieren!“ Wenn da „Mist“ passiert, ist das m.E. ein Geschenk, weil es in einem geschützten Raum entsteht und pädagogisch aufgearbeitet werden kann. Wir brauchen mehr solchen „Mist“, der auf Systemen von Schulen geschieht, weil wir ihm dort ohne irgendwelchen Anzeigen und richterlichen Anordnungen begegnen können – die Daten haben wir ja selbst und idealerweise auch klare Regelungen, wann diese von wem wie eingesetzt werden dürfen.

Ich denke, dass in diesem Kompetenzbereich sehr deutlich werden kann, dass Medienbildung, bzw. Bildung in Zeiten der Digitalisierung nicht zwangsläufg bedeuten muss, alles nur noch mit digitalen Geräten zu machen. Dass z.B. eine Entschuldigung über WhatsApp eine andere Wertigkeit besitzt als eine persönliche, kann sowohl im Religionsunterricht als auch im Deutschunterricht unter der Rubrik „Kommunikation“ thematisiert werden.

Problemlösen und Handeln

Viele Lehrkräfte wissen wahrscheinlich nicht, wie man einen Wikipediaartikel richtig liest, geschweige denn, wie man strukturiert eine Suchmaschine bedient und ihre Möglichkeiten nutzt.

Aufgabe zur Entspannung: Suchen Sie mit Google doch einmal nach dem Ausdruck „x^3+1/x“ (ein beliebiger andere Term funktioniert ebenso)

Trotzdem ist – wie böse Zungen behaupten – vorwiegend freitags in der 6. Stunde der Computerraum für „Recherche“ belegt – werden in diesem Rahmen z.B. folgende Kompetenzen vermittelt?

  • Lesen und Beurteilen eines Wikipediaartikels
  • Formal korrektes Zitieren von Onlinequellen
  • (Weiter-)Verwendung von Bild- und Tonmaterial gemäß den geltenden Urheberrechtsbestimmungen
  • die Bedeutung der Creative Commons Lizenzen (vor allem CC0)
  • […]

Der Bereich Recherche ist keineswegs trivial, sondern setzt sehr viel Wissen rund um rechtliche Themen ebenso voraus wie ein Bewusstsein um die heutzutage generell leichte Manipulierbarkeit von Informationen – auch im Bereich der „klassischen“ Medien (Print oder Rundfunk).

Ein konkretes Unterrichtsbeispiel zum Lesen eines Wikipediartikels findest du hier.

Analysieren und Reflektieren

Dieser Kompetenzbereich ist ein schönes Beispiel dafür, dass Medienbildung - genau wie übrigens die Informatik - ganz ohne Technik und Netze funktionieren kann, wie dieses Beispiel zeigt.

Ich nenne jetzt stellvertretend für eine Vielzahl möglicher Fragestellungen in diesem Bereich einmal ein paar weitere Aspekte, mit denen sich eine Beschäftigung lohnt.

  1. Target, der zweitgrößte Discounteinzelhändler nach Walmart in den USA, nutzt die Auswertung Einkaufsverhalten von jungen Frauen zur Bestimmung des Schwangerschaftsmonats und in der Folge für zielgerichtete Werbung.
  2. Schülerinnen und Schüler fertigen heimlich Bild- und Tonaufnahmen von Lehrkräften im Unterricht, verarbeiten sie weiter und veröffentlichen das Ergebnis z.B. auf Socialmedia.
  3. Google und andere Dienste gewinnen Verkehrsdaten aus Bewegungsprofilen von Smartphones.
  4. Wahlen finden mittlerweile in der Welt teilweise EDV-gestützt statt.
  5. Demokratische Abstimmungen können u.U. durch gezielten Einsatz von Socialmediabots manipuliert werden - zumindest ist das ein denkbares technisches Szenario.
  6. Interessant sind auch immer wieder die herrlich dystopischen Essays von Evgeny Morozov.
  7. […]

Natürlich gehören in diesen Bereich auch noch weitere Fragestellungen wie z.B. Geschäftsphilosophie der Sharing Economy z.B. AirBNB (Wohnungsvermittlungsdienst) oder Uber (taxiähnlicher Fahrtenvernittler). Die Themen sind eigentlich in ihrer Breite kaum zu fassen, jedoch hochspannend, da im digitalen Raum zurzeit Werte und Grenzen komplett in einem zusätzlich globalisierten Kontext völlig neu ausgehandelt werden.

Das Medienbildungskonzept als Querschnittsaufgabe

„Da wird jetzt etwas von außen einfach über alle Fächer gestülpt, was nicht an ein Fachcurriculum angebunden ist und damit in einer Fachschaft durchsetzbar wäre.“ (stellvertretender Schulleiter eines Gymnasiums)

Als ich dieses Zitat in der Beratung einer Schule zu hören bekam, habe ich mich erst furchtbar geärgert, weil ich primär die Ablehnung eines Medienbildungskonzeptes wahrgenommen habe. Dabei hat dieser stellvertretende Schulleiter eigentlich alles verstanden:

  1. Medienbildung ist genau wie Sprachförderung Aufgabe aller Fächer.
  2. Medienbildung muss in den Hauscurricula jedes einzelnen Faches verankert sein.
  3. Medienbildung erfordert genau wie Sprachförderung eine enge Abstimmung zwischen den Fächern.
  4. Allein in einer Fachschaft ist erfolgreiche Medienbildung nicht zu implementieren.
  5. Fachschaftsübergreifende als oftmals strukturverändernde Arbeit ist eine immense Aufgabe (aus meiner
  6. Erfahrung: Gerade an Gymnasien mit ihrem ausgeprägten Fachlehrerprinzip!)

Neben der Verankerung in den Fächern kommen auch noch weitere Aspekte hinzu:

  • Organisation der Kommunikation an einer Schule (das betrifft natürlich auch das Verwaltungsnetzwerk)
  • Fortbildungskonzept für Lehrkräfte passend zur vorhandenen Hardware und deren didaktischen Einsatzmöglichkeiten.
  • Organisation der Zusammenarbeit mit dem Träger (Schulamt, technischer Support)
  • Organisation der Nutzerverwaltung im Schulnetzwerks
  • Das muss natürlich auch Auswirkungen auf die Aufgabenverteilung innerhalb des Schulleitungsteams haben
  • Bei großen Schulen ist die Schaffung entsprechender Stellen in diesem Bereich zu überdenken oder alternativ die Bereitstellung von Entlastungsstunden, was alles in bestehende Strukturen eingreift.

Das Medienbildungskonzept als „unleitzbare“ Anforderung

Schulen werden überhäuft mit der Anforderung sehr viele Konzepte zu erstellen. Hygeniepläne, Förderpläne, Arbeits- und Datenschutz, Prävention, Alarmpläne usw.. Diese Arbeit ist mit den bestehenden Ressourcen oft nicht sinnvoll zu erledigen, weswegen sich meist zwei Grundstrukturen ausprägen.

„Wir schauen, was andere Schulen so haben und passen das an! Dann stellen wir den Ordner ins Regal.“

„Wir machen was Eigenes, schreiben das auf und stellen den Ordner ins Regal. Dann nehmen wir uns das nächste vor.“

Das Ergebnis findet sich meist auf Homepages z.B. in Form von völlig veralteten Medienbildungskonzepten aus dem Jahre 2003. Das ist im Kontext der Anforderungen, die an Schule heutzutage gestellt werden, auch völlig nachvollziehbar.

Ein Leitzordner ist immer ein virtueller Haken im Geiste einer Schulleitung. Die Konzeptdichte explodiert vor allem in zeitlicher Nähe zur Schulinspektion – frei nach dem guten, alten Motto: „First fake it, then make it“.

Wenn man diese Struktur auf ein Medienbildungskonzept überträgt, kommt etwas „Leitzbares“ heraus, was mit ein wenig Pech genauso intensiv an der Schule gelebt wird wie ein Hygieneplan. Zusätzlich ist die technische Entwicklung immer noch in vollem Gang, sodass ein solcher Leitzordner sehr schnell wieder veraltet sein wird.

Medienbildung ist als solche immer noch sehr starkem Wandel unterworfen. Zusätzlich ist extrem schwer bestimmbar, wie künftige Entwicklungen aussehen werden. Das gilt sowohl für die Entwicklung im Hardwarebereich als auch bezogen auf gesellschaftliche Entwicklungen.

Deswegen ist die Entwicklung eines Medienbildungskonzeptes von starken Unsicherheiten geprägt: Es gibt kaum „gesetzliche Vorgaben“ oder klar in Curricula geregelte Vorgehensweisen. Die einzelne Schule ist damit alleingelassen.

Das sind ungewohnte, neuartige Strukturen, die oft Abwehr- und Selbstschutzmechanismen auslösen.

„Müssen wir das andauernd neu schreiben?“ „Kann man das denn überhaupt für einen Zeitraum x festlegen?“ „Dann sitzen wir das einfach aus, bis jemand etwas entwickelt hat!“

Das Dilemma lässt sich teilweise lösen, indem man das Medienbildungskonzept als „lernenden Text“ organisiert – das Konzept der Wikipedia, die damit auch sehr traditionelle gedruckte Enzyklopädien ersetzt hat.

Das kann z.B. in einem kollaborativen Dokument (Office 365, Etherpad, GoogleDocs, Ownclouddokument) geschehen oder aber auch in einem Wiki und der schuleigenen Lernplattform – wenn vorhanden. Dank Versionierung (man kann immer wieder zu jedem Bearbeitungsstand zurückkehren) ist auch das Risiko einer solchen Lösung überschaubar gering.

Wichtig ist, dass dieser Text von möglichst vielen Beteiligten immer wieder verändert, neu strukturiert und überarbeitet werden kann – zeit- und ortsunabhängiger Zugriff ist zusätzlich vor diesem Hintergrund sehr wichtig. Papier oder Dateien sind aus meiner Sicht hier keine geeigneten Medien.

Diese Organisationsform ist kein Garant für mehr Partizipation. Aber sie macht ein Angebot. Eventuell kann sie auch als trojanisches Pferd dienen, auch andere Konzeptentwicklungsprozesse so zu organisieren oder sogar kollaborative Dokumente im Unterricht selbst einzusetzen.

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buch/kapitel02.txt · Zuletzt geändert: 2017/02/21 16:07 von administrator